Geschichte eines Rosenheimer Wahrzeichens
Die Kunstmühle Rosenheim ist seit 1986 in der Denkmalliste wie folgt aufgeführt: „Ehem. Weizenmühle, fünfgeschossiger Satteldachbau mit Lisenengliederung und strengem Stichbogenfenstersystem, 1890 erbaut von Baumeister M. Lutz, Rosenheim; Silogebäude (Nr. 19c), mehrgeschossiger Stahlbetonbau mit Mansardwalmdächern und Turm, erbaut 1916 von Prof. Franz Rank, erweitert 1935“. Diese Listeneintragung ist bereits historisch zu nennen, da der Erweiterungsbau 1997 im Rahmen eines Bauleitverfahrens der Stadt zum Abbruch gelangt ist.
Das Archivmaterial zur Weizenmühle und zum Silogebäude ist umfangreich. Insbesondere zum Silo gibt es bereits 1918 einen umfangreichen Artikel mit Plänen des Münchener Architekten Escher in der Deutschen Bauzeitung. Die Vorgängerbauten der Kunstmühle gehen bereits auf die Jahre nach 1853 zurück als vom Augsburger Kaufmann Santa Casella die alte Steinmühle am Mühlbach erworben wurde. Casella begründete sein Vorhaben wie folgt: „Aufgemuntert durch die allerhöchst von unserer weisen Staatsregierung ausgesprochenen Wünsche zur Gründung industrieller Etablissements, und weil die Lage der fraglichen Säge mit ihrer bisherigen Wasserkraft, dann in Hinblick auf die dort entstehende Eisenbahn und die Nähe von Tirol, das Gedeihen eines größeren Unternehmens in Aussicht stellt,…haben wir…es übernommen…eine Kunstmühle zu errichten…Dass unser Unternehmen auch in allgemeiner Beziehung einer Unterstützung würdig und in jener Gegend für unser Vaterland ersprießlich sei, dürfte daraus zu entnehmen sein, dass amerikanische Kunst- und Trockenmühlen allenthalben als vorteilhaft empfohlen sind…“2 . Ab 1854 wurde die ehemalige Roggenmühle errichtet, die sich heute südlich der Weizenmühle befindet. Die rasche Entwicklung der Mühle erforderte mehrere Erweiterungen und schließlich den Neubau der Weizenmühle und des Silogebäudes.
Dem Zeitgenossen von Prof. Rank, dem schon erwähnten Architekten Escher imponierte sowohl die Funktion als auch das Aussehen des Silobaus mit seiner „künstlerisch anspruchsvollen Außengestaltung“. Im östlichen Teil befanden sich auf sechs Geschossen Wind- bzw. Reinigungsmaschinen für das gelieferte Getreide sowie die Mahl- und Schrotmaschinen. Im westlichen Abschnitt sind die Stahlbetonsilos, die vom Erdgeschoss bis in das ausgebaute Dachgeschoss reichen. Dort ist ein Rohrverteilungssystem als Zulauf für die Silos. 4000 Tonnen Schwergetreide konnten hier gespeichert werden. Der Turm schließlich – er beherrscht mit 48 Metern Höhe noch immer das Stadtbild Rosenheim – enthält den Elevator und einen Wasserbehälter für die Sprinkleranlage.
Für die Kunstmühle wurde 1985 ein Abbruchantrag eingereicht, der das Landesamt für Denkmalpflege – noch vor der Listeneintragung – zur Beschäftigung mit den Gebäuden, zur Denkmalfeststellung und zur Ablehnung des Abbruchs veranlasste. Dieses Vorgehen wäre heute so nicht denkbar. Seit 1992 stehen die Weizenmühle und der Silobau leer. 1993 gab es die Option der Nutzung durch die Waldorffschule, die sich allerdings wieder zerschlagen hat. Abbruchgedanken wurden in den letzten Jahren angesichts des riesigen Bauvolumens und der damit zusammenhängenden Instandsetzungskosten erneut geäußert.
Jetzt ereignete sich die glückliche Wendung der jüngsten Geschichte der Kunstmühle durch den Kauf der Immobilie durch Firma Quest aus Rosenheim.
Dr. Christian Baur, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege




